Gemeinden

 

Reformation in den Gemeinden

glaubensfroh – weltgestaltend – gleichberechtigt

Das Forum Reformation versteht sich in den Reformprozessen der Kirche als Anwalt der Gemeinden. Es nimmt deren Perspektive ein und will praktische Angebote entwickeln, um in einer säkularen, reli-gionsdiversen und kirchenkritischen Gesellschaft zu einer evangelischen, d.h. Evangelium gemäßen Gemeindearbeit zu ermutigen. Wir sind das Licht der Welt!

Martin Luther äußerte sich situativ zur Sozialgestalt der Kirche und sprach gerne von der Gemeinde als „christlichen Haufen.“ In seinem Abendmahlssermon von 1519 betont er bei der Feier der Kommunion die Stiftung einer individuellen Gemeinschaft der Glaubenden mit Christus und einer sozialen Gemeinschaft der Glaubenden als Gemeinde: „Wer am Heil Christi teilhabe, der partizipiere auch an allen Herausforderungen der Gemeinde.“

 

„Alles muss klein beginnen, lass etwas Zeit verrinnen. Es muss nur Kraft gewinnen, und endlich ist es groß.“

Gerhard Schöne

Für Luthers Gemeindeverständnis ergibt sich daraus: „Du hast Teil am Elend aller, von dem es so unendlich viel an allen Orten gibt – dagegen musst du dich wenden, dort musst du aktiv werden, in diesen Situationen musst du Mit-Leid zeigen.“ Damit formulierte Luther früh das Konzept einer „Kirche von unten“. Dietrich Bonhoeffer nahm dieses Anliegen später in seiner Rede von einer „Kirche für andere“ wieder auf. Wir sind das Salz der Erde!

Von unten nach oben
Der Baum wächst von unten nach oben, die Kirche auch. Die Basis des Christentums waren und sind die Gemeinden. Martin Luther schrieb: „Denn was aus der Taufe gekrochen ist, das kann sich rühmen, dass es schon zum Priester, Bischof und Papst geweiht sei, obwohl es nicht einem jeglichen ziemt, solch Amt auszuüben.“ Für den Reformator waren alle getauften Christenmenschen Priester und Priesterinnen. Luthers „Priestertum aller“ ging es trotz verschiedener Ämter um eine gleichberechtigte Mitverantwortung aller. Das ließ sich an einer verstärkten Mitwirkung der Frauen ablesen, einer wachsenden Beteiligung von Laien in der Gemeindearbeit, der zunehmenden Bedeutung des Gemeindegesanges und einer verständlichen Gottesdienstsprache, damit jede und jeder sich seine eigene Meinung bilden konnte. Diese alten Erkenntnisse sollen neue Kraft gewinnen.

Anwalt der Gemeinde
Das Forum Reformation versteht sich als Anwalt der Gemeinden. Es nimmt deren Perspektiven ein und will Ideen und Angebote entwickeln, um in religionskritischen Zeiten und komplexen Weltlagen zu einem glaubensfrohen, weltgestaltenden und gleichberechtigten Miteinander zu ermutigen. Dabei soll wahrgenommen werden, dass sich Gemeinden auch in den anderen Konfessionen und Religionen in reformatorischen Aufbrüchen befinden. Dafür wollen wir eine interreligiöse Neugier wecken und Begegnungen zwischen möglichst vielen Konfessionen und Religionen ermöglichen.

Gemeinde-Base-Camps
Für das Jahr 2020 streben wir den Aufbau eines Gemeinde-Base-Camps am Spiritus Loci der Reformation an. Damit wollen wir an die guten Erfahrungen der Konfi-Camps im Wittenberger Reformationssommer 2017 anknüpfen. Martin Buber hat einmal formuliert: „Alles wirkliche Leben ist Begegnung“. In einer Zeit zunehmender Abschottung und wachsender Vorurteile setzen wir auf die Begegnung mündiger religiöser Menschen, die in ihrer Weise gemeinsam dem Frieden in der Einen Welt dienen wollen.

Weltverantwortung wahrnehmen
Eine altbekannte Weisheit lautet: „Global denken, lokal handeln.“ Als Forum Reformation wollen wir interkonfessionell und interreligiös aktiv werden, die Welt und unsere Gemeinden achtsam wahrnehmen und tun was geboten ist: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“ (Micha 6,8).

Reformationsjubiläum fortsetzen
Die Theologin Dorothea Wendebourg stellt fest: „Das Reformationsjubiläum war da stark, wo die evangelische Kirche stark ist: auf der Ebene der Gemeinden. Da ist viel passiert – von gemeinsamer Bibel- und Lutherlektüre bis hin zu Konzerten. Wir sind eine Kirche, wo das Leben unten stattfindet. Je höher die Ebene war, auf der das Reformationsjubiläum gefeiert wurde, desto weniger gelungen fand ich es.“ Wer als Gemeinde gemeinsam weiter reformatorisch unterwegs sein will, den lädt das Forum Reformation schon 2019 zur ersten reformationsgeschichtlichen Tagung nach Leipzig (5. bis 7. April 2019), oder zum ersten Treffen zur Vorbereitung des Weltreformationsforums Wittenberg nach Wittenberg (18. bis 22. August 2019) ein.

Gemeinsam kreativ sein
Der Kreativitätsforscher David Eagleman ist überzeugt: „Es gibt noch etwas anderes, das unserer Kreativität Flügel verleiht und das nicht in unserem Kopf zu finden ist: die Gehirne anderer Menschen. Mit unserer außergewöhnlichen Sozialneigung tauschen wir unentwegt Gedanken aus, weshalb wir uns gegenseitig mit neuen Ideen befruchten. Kreativität hält uns flexibel. Wenn wir unsere Umwelt umgestalten, gestalten wir auch uns selbst um.“ Das Forum Reformation versteht sich als Einladung an alle reformatorischen Geister im Land, sich zwischen den Gemeinden zu vernetzen, um einander Flügel zu verleihen für kreative Lösungen in schwierigen Zeiten.

Jede Reformation, auch in Gemeinden, braucht ihre Vorbilder. Ein Text der Katharer aus dem Jahr 1148, einer Strömung des Christentums, die als Häretiker verfolgt wurde, könnte ein solches sein.

Die Kirche der Liebe

Sie lebt nicht als feste Form,
sondern nur im Einvernehmen der Menschen untereinander.
Sie hat keine Mitglieder außer jenen,
die sich ihr zugehörig fühlen.
Sie hat keine Konkurrenz,
denn sie wetteifert nicht.
Sie hat keinen Ehrgeiz,
denn sie wünscht nur zu dienen.
Sie zieht keine Landesgrenzen,
denn das entbehrt der Liebe.
Sie kapselt sich nicht ab,
denn sie sucht alle Gruppen und Religionen zu bereichern.
Sie achtet alle großen Lehrer, Frauen und Männer aller Zeiten,
welche die Wahrheit der Liebe offenbarten.
Wer ihr angehört, übt die Wahrheit der Liebe
Mit seinem ganzen Sein.
Wer dazugehört weiß es.
Sie trachtet nicht, andere zu belehren;
Sie trachtet nur zu sein und durch ihr Sein zu geben.
Sie lebt in der Erkenntnis, dass die ganze Erde ein
lebendes Wesen ist und wir ein Teil von ihr sind.
Sie weiß, dass die Zeit der letzten Umwandlung
gekommen ist; fort von der Ichhaftigkeit
aus freiem Willen zurück in die Einheit.

Sie macht sich nicht mit lauter Stimme bekannt,
sondern wirkt in den feinen Bereichen des Seins.
Sie verneigt sich vor allem,
die den Weg der Liebe aufleuchten ließen
und dafür ihr Leben gaben.
Sie lässt in ihren Reihen keine Rangfolge zu
und keinen starren Aufbau,
denn der eine ist nicht größer als der andere.
Sie verspricht keinen Lohn,
weder in diesem noch in jenem Leben
nur Freude des Seins in Liebe.
Ihre Mitglieder erkennen einander an der Art
zu handeln, an der Art zu sein und an den Augen
und an keiner äußeren Geste
als der geschwisterlichen Umarmung.
Sie kennen weder Furcht noch Scham
und ihr Zeugnis wird immer gültig sein
in guten wie in schlechten Zeiten.
Die Kirche der Liebe hat kein Geheimnis,
kein Mysterium und keine Einweihung,
außer dem tiefen Wissen um die Macht der Liebe
und darum, dass die Welt sich ändern wird,
wenn wir Menschen dies wollen,
aber nur, indem zuerst wir selbst uns ändern.
Alle, die sich dazugehörig fühlen,
gehören dazu.

 

Sie gehören zur Kirche der Liebe.