Gesellschaft

 

Reformation in der Gesellschaft

interreligiös – multikulturell – weltoffen

Wer etwas bewegen will, muss sich auf den Weg machen. Anders geht es nicht, um Bewegung in festgefügte Verhältnisse zu bringen. Sich auf den Weg eines Weltreformationsforum Wittenberg zu begeben ist ein kühner Versuch. Umso wichtiger wird es sein, dass Menschen guten Willens aus vielen Bereichen unserer Gesellschaft sich uns anschließen.

„Und wenn die Welt voll Teufel wär und wollt uns gar verschlingen, so fürchten wir uns nicht so sehr, es soll uns doch gelingen.“

Martin Luther

Weltreformationsforum Wittenberg
Im Jahr 2030 wollen wir viele gute Geister aus den verschiedenen Konfessionen, Religionen, der Wissenschaft, Wirtschaft, Kultur und Politik einladen, um am Spiritus Loci der Reformation einen Think-Tank zu begründen. Wir wollen den destruktiven Kräften unserer Zeit einen furchtlosen ‚Lobbyismus des Guten‘ entgegensetzen. 500 Jahre nach Zementierung der konfessionellen Spaltung im Land der Reformation will das Weltreformationsforum zu mehr Zusammenhalt in einer sich abschottenden Weltgemeinschaft beitragen. Bis 2030 wollen wir jeden Sommer zu einem Treffen einladen, bei dem wir altbekannte und neu zu entwickelnde Formate einüben wollen, um uns reformatorisch relevanten Fragen der Gegenwart zu stellen. Wir versammeln uns dazu erstmalig vom 18. bis 22. August 2019 in der Lutherstadt Wittenberg.

Reformationsgeschichte als Zeitansage
2019 werden wir uns in Erinnerung an die Leipziger Disputation der Frage stellen: „Wofür lohnt es sich heute zu streiten?“ 2020 lauten die Fragen: „Was hält uns gefangen?“ „Wozu sind wir befreit?“ Interkonfessionelle, interreligiöse und interkulturelle Zugänge werden die Tage strukturieren. An den Abenden lädt das Forum Reformation mit der Lutherstadt Wittenberg alle Tagungsgäste und Wittenberger/innen zu gemeinsamen Erlebnissnächten ein.

Tankstelle für Gutmenschen
Vom Erfinder Thomas A. Edison ist überliefert: „Unsere größte Schwäche ist es, dass wir aufgeben. Der sicherste Weg zum Erfolg ist es, nur noch einen einzigen weiteren Versuch zu unternehmen.“ Wir wollen trotz apokalyptischer Aussichten nicht aufgeben, sondern einen weiteren Versuch starten, am Spiritus Loci der Reformation für das eigene Engagement vor Ort Kraft zu tanken. Die diskreditierte Rede vom „Gutmenschen“ sehen wir als Ansporn – möglichst Gutes in schweren Zeiten zu bewirken. Wie Luther mit einem Tintenfass nach dem Teufel geworfen haben soll, wollen wir mit Gottvertrauen und Zuversicht an das Gute im Menschen und in der Welt glauben.

Kreativität als sozialer Akt
„Das einsame Genie, das unverstanden in der Wüste lebt, ist eine Märchenfigur. Denn Kreativität ist immer ein sozialer Akt.“, ist der Kreativitätsforscher David Eagleman überzeugt. In neuer und angemessener Weise als Forum Reformation unterwegs zu sein wird nur als gleichberechtigter, gemeinsamer und sozialer Akt gelingen. Die Offenheit für Neues soll der Kompass auf unserer Reise sein.

Multikulti als Zukunftschance
‚Multikulti‘ zu diffamieren ist eine Selbstverständlichkeit geworden. Das gilt in gleicher Weise für die Abschottung von Grenzen und die Rückfälle in nationalistisches und selbstbezogenes Denken. Die Diversität der Natur lehrt anderes. Dem Menschen ist die Fähigkeit geschenkt worden, vielfältige Ideen zur Gestaltung einer guten Zukunft zu entwickeln. Der Biologe Konrad Lehmann ermutigt: „Eine fremde Kultur zu erleben mit den vielen kleinen und großen Regelunterschieden zur eigenen, die Herausforderungen, sich auf andere Deutungen und Gepflogenheiten des Umgangs einzulassen – schon das ist anscheinend imstande, starre Denkgewohnheiten aufzubrechen. Im eng verwobenen Netzwerk Gehirn sind Grenzen immer nur als Übergänge zu verstehen.“

Formierung der Kräfte
Der Kunsthistoriker Jon Gertner behauptet: „In Wirklichkeit haben große technische Sprünge selten einen eindeutigen Anfangspunkt. Zu Beginn formieren sich lediglich die Kräfte, die einer Erfindung vorausgehen, oft kaum wahrnehmbar, eine Gruppe von Menschen oder Ideen finden zueinander, um dann im Laufe der nächsten Monate, Jahre oder Jahrzehnte an Klarheit, Schwung und Unterstützung zu gewinnen.“

Nicht länger stillhalten
In populistischen Zeiten wollen wir die Stillen im Lande ermutigen, sich mehr einzumischen, wie es der Neurowissenschaftler Gerald Hüther in seinem Buch „Würde“ fordert: „Es wird nicht ausreichen still zu halten und zu versuchen, ein gewisses Verständnis für das würdelose Verhalten anderer aufzubringen. Es nützt auch nichts, sich darüber zu empören. Es wird nötig sein, sich zu zeigen und es nicht länger als unter seiner Würde zu betrachten, öffentlich Stellung zu beziehen, auszusprechen, was man so nicht länger hinzunehmen bereit ist, und im Rahmen seiner Möglichkeiten dafür zu sorgen, dass die Würde von Menschen nicht länger mit Füßen getreten, verletzt und untergraben wird.“

Das „fragile Ich“ schützen
Die Philosophieprofessorin Martha Nussbaum fordert „die Förderung und Pflege öffentlich wirksamer Emotionen“, um „die Kräfte in Schach zu halten, die in allen Gesellschaften und letztlich auch in uns lauern: die Neigung, das fragile Ich durch die Herabsetzung und Diffamierung anderer zu schützen.“ Luthers Herzensfrömmigkeit hatte zu seiner Zeit sich, um die Pflege öffentlich wirksamer Gefühle und den Schutz des ‚fragilen Ichs‘ auf seine ihm eigene Weise gekümmert. Sein Heil fand der Reformator allein in Christus, der biblischen Schrift, der göttlichen Gnade und einem unverdienten Glauben. Heute sind wir neu herausgefordert, glaubwürdige Antworten auf die schwierigen Fragen nach einer heilvollen Zukunft für alle zu finden. Dazu werden wir über den protestantischen Ansatz der Reformation weit hinausgehen und vieles neu denken müssen.

Gute Nachbarschaft
Wir wollen in guter Nachbarschaft zu den anderen kirchlichen, religiösen und gesellschaftlichen Akteuren, die Gleiches wollen, uns auf den Weg machen. Jede und jeder Interessierte aus allen Bereichen der Gesellschaft ist zu unserer Weg- und Lerngemeinschaft voraussetzungslos eingeladen. Möge die Gründung eines Weltreformationsforum Wittenberg ein produktiver Stein des Anstoßes sein, damit es mit der reformatorischen Idee weitergeht: „Ins Wasser fällt ein Stein, ganz heimlich still und leise und ist er noch so klein, er zieht doch weite Kreise. Wo Gottes große Liebe in einen Menschen fällt, da wirkt sie fort in Tat und Wort hinaus in unsere Welt.“